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Urkunde vom 03. Dezember 1118

Die Problematik der urkundlichen Ersterwähnung

Artikel aus der 2018 erschienenen Festschrift

Reiffenhausen wird in diesem Jahr 900 Jahre alt – oder waren es vor 40 Jahren 1000 Jahre – oder haben wir vor 11 Jahren das 800jährige Jubiläum verpasst oder dürfen wir es erst in 26 Jahren feiern??

Die Sache mit der „korrekten“ Jahresbestimmung ist komplizierter als man denkt und oft nicht 100%ig nachweisbar. Das hatten schon 1978 die Organisatoren des ursprünglich als 1000-Jahr-Feier geplanten Heimatfestes in Reiffenhausen erfahren müssen. Doch gab es für das Jahr 978 tatsächlich keinen schriftlichen Nachweis für Reiffenhausen. Allerdings taucht die 800 m westlich von Reiffenhausen liegende Ortschaft und spätere Wüstung Thieddecheshusen (Dedageshusen) in einer Schenkungsbestätigung an das Kloster Hilwarthausen aus dem Jahr 973 auf.

Eine echte Urkunde mit dem Ausstellungsdatum 3. Dezember 1118 existiert nicht mehr, sondern nur Abschriften in Urkundenbüchern. Der Text in den Urkundenbüchern ist nach Kopialbüchern aus dem 15. Jahrhundert gefertigt worden, die laut Niedersächsischem Landesarchiv 1943 im Staatsarchiv in Hannover verbrannt sind. Laut Historikern wurde das Ausstellungsdatum im 13. Jahrhundert gefälscht, weil angeblich einige Aspekte gegen ein Ausstellungsdatum in 1118 sprechen.

Abschrift der Urkunde aus dem Eichsfelder Urkundenbuch

Auch Arnold Linne hat in der 1989 erschienen Chronik „Reiffenhausen im Wandel der Zeit“ auf die Problematik der Datierung der ersten Besiedlung der Dorfstelle Reiffenhausen hingewiesen:

Im Jahr 1085 errichteten die geschwisterlichen Grafen von Reinhausen einen Chorherrensitz in Reinhausen, aus dem das Benedektiner-Kloster Reinhausen entstand. Im Zusammenhang mit der Einrichtung und Ausstattung des Klosters wird zum ersten Male das Dorf Ripenhuson schriftlich erwähnt. Der Erzbischof Albert I. von Mainz und apostolischer* Legat bestätigte am 3. Dezember 1118 die Stiftung und Ausstattung des Klosters Reinhausen durch den Landgrafen von Hessen, darunter mit Gütern an Herdiggeroth, Beuren und Gandern und überlässt dem Kloster unter anderem den Zehnten zu Germershausen und Ripenhuson. Weiter schreibt Linne: Bei dieser Urkunde, in der Ripenhuson das erste Mal schriftlich erwähnt wird, wird von einigen Historikern das Datum der Ausstellung angezweifelt. Nach Historiker Stumpf ist das Ausstellungsjahr 1118 durchaus annehmbar. Die Forschung schätzt die Urkunde heute als Fälschung nach echter Vorlage ein.

Auszug aus Urkundenbuch Reinhausen, bearbeitet von Manfred Hamann, 1991

Reiffenhausen steht mit dem Problem der Datierung nicht alleine, wie ein Blick in die Chroniken anderer Orte auch in der Region zeigt. Schaut man in die Urkundenbücher und die Interpretationen zeigt sich die grundsätzliche Problematik bei Ersterwähnungen in der Zeit vor ca. 1100 bis 800 Jahren. Warum wurden Urkunden zu dieser Zeit oft gefälscht? Arnold Linne wies in seiner Chronik bereits darauf hin: Im 12./13. Jahrhundert war es oft praktiziert worden, dass das Datum in den Urkunden, in der Rechte und Besitzansprüche nachgewiesen wurden, oft um 100 Jahre vordatiert wurden, um so alte Rechte geltend zu machen. Der jeweilige Inhalt entsprach der Tatsache.

In Wirklichkeit wird im Bereich Reiffenhausen schon viel länger gesiedelt. So steht in der Veröffentlichung „Kunstdenkmale und Alterthümer im Hannoverschen, 2. Band, Fürstenthümer Göttingen, 1873“: Reiffenhausen und die in Reiffenhausen aufgegangenen Wüstungen gehören zu den im 7./8. Jh. entstandenen –hausen-Dörfern, und zwar in dem Waldgebiet an der Grenze von Braunschweig, Mainz und Hessen.

Noch ältere Siedlungsnachweise fand Dr. Klaus Grote im Reiffenhäuser Wald unter Felsüberhängen (Abris) mit Kulturnachweisen aus dem älteren Mesolithikums (Mittelsteinzeit) und auf dem Uhlenkopf eine Kupferaxt aus dem Spätneolithikum (Kupfersteinzeit). Im städt. Museum Göttingen werden einige Gegenstände der Bandkeramiker aus dem Neolithikum (Jungsteinzeit) aufbewahrt.

Was bedeuten diese Erkenntnisse für das Jubiläum Reiffenhausens? Der Ortsrat und der Ortsheimatpfleger Reiffenhausen haben beschlossen, 2018 das 900-jährige Jubiläum zu feiern. Das Datum 03.12.1118 steht auf einer Urkunde und trifft den Zeitraum zumindest ungefähr, auch wenn das Datum erst später niedergeschrieben sein sollte.

Nach dem Motto „Alle werden älter – nur Reiffenhausen wird immer jünger“ könnte aber auch in 26 Jahren das nächste Jubiläum und zwar die urkundliche Ersterwähnung beruhend auf der ältesten im Original vorliegenden Urkunde von 1244 mit einem 800-jährigen Jubiläum Reiffenhausens gefeiert werden! Es sei denn, auch diese Urkunde wird in den nächsten Jahren noch als Fälschung eingestuft werden…

Anne Elser




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